Jörg H. Trauboth | Leseprobe „OMEGA“
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Leseprobe „OMEGA“

… Als er endlich um 23.35 Uhr in Sarria ankam, war erwartungsgemäß kein Taxi zu finden. Marc hatte sich ausgerechnet, dass er den Friedhof im Eilmarsch bergauf durch die Altstadt in knapp zwanzig Minuten schaffen könnte.

Die Pilger in der nächtlichen Stadt hatten längst ihr Abendessen eingenommen. Im überfüllten Außenbereich des Restaurants Meson O Tapas staunten sie über einen vorbeirennenden Mann, der mit schwerstem Gepäck den Camino hocheilte. Die Szene war so ungewöhnlich, dass eine Pilgerin vom Tisch aufstand und seinen Weg verfolgte. »Er rennt zum Kloster La Magdalena!«

Der Mann war sofort Gesprächsstoff. Kein Pilger rennt über den Camino. Die Beobachter der Szene schüttelten verständnislos den Kopf. Sie konnten nicht wissen, dass hier kein Pilger rannte, sondern ein Vater, der verzweifelt seine Tochter suchte.

Marc war vollkommen außer Atem, als er um 23.57 Uhr das Friedhofstor öffnete. Er lehnte sich hinter eine schützende Grabmauer und prüfte im diffusen Licht des Mondes die Wege zwischen den Nischengräbern. Es war absolut ruhig. Die vielen Grabhäuser boten für einen Angreifer eine perfekte Versteckmöglichkeit. Marcs Pistole hing griffbereit im Gürtelholster.

Er tastete sich nach links und folgte dem Friedhofsweg, immer wieder Deckung suchend, bis ans Ende des Weges. Es war nicht zu verhindern, dass ihn die Tritte auf den Kieselsteinen verraten würden. Nach wenigen Metern wartete er kurz, beobachtete und arbeitete sich weiter voran.

Als die umliegenden Kirchenglocken im Ort schlugen, stand er vor der letzten leeren Grabfläche. Es war 24.00 Uhr.

Marc sah sich um. Nichts Auffälliges! Er kam etwas zur Ruhe und entschloss sich, seine Kopflampe anzuschalten.

Das Licht glitt über die Grabplatte eines offensichtlich aufgegebenen Grabes, denn ein Grabstein mit den Inschriften fehlte. Er sah es sofort. Zu deutlich war es hingelegt worden und vermutlich auch erst vor kurzer Zeit, denn jeder hätte es sofort entdeckt.

Marc war trotz des anstrengenden Laufes ruhig, so ruhig wie immer im Einsatz, als er das Kästchen in der Hand hielt. Es war die gleiche Box wie jene auf dem Grab von Marie. Ohne Zögern öffnete er es und zog einen Zettel heraus.

»DU NIMMST JETZT ZU FUSS DEN CAMINO FRANCÉS NACH SANTIAGO DE COMPOSTELA. DORT FINDEST DU DICH ÜBERMORGEN UM 12.00 UHR ZUR PILGERMESSE IN DER KATHEDRALE EIN. WENN EUER GOTT DIR GNÄDIG IST, WIRST DU BELOHNT WERDEN. ÜBER DEN BEIGEFÜGTEN GPS-ORTUNGSSENDER WISSEN WIR STETS, WO DU BIST. WARTE AUF WEITERE SMS-NACHRICHTEN. BUEN CAMINO, PILGER ANDERSON!«

Also so läuft das perverse Spiel … Eilmarsch auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela … 110 Kilometer in 36 Stunden, mit 35 kg Gepäck … Eine Strecke, die der Normalpilger in fünf Tagen wandert …

187 Das Problem war nicht der Eilmarsch, sondern die aufkommende Müdigkeit. Er rechnete sich aus, dass er nachts etwas schlafen könnte, wenn er eine Stundenleistung von vier Kilometern schaffen würde, also einen Kilometer schneller als das Minimum.

Marc vergewisserte sich, dass er die überlassene SIM-Karte im Handy eingesteckt hatte, legte seine private zu dem Notgeld in seinem Stiefelversteck, aktivierte den GPS-Tracker und verließ den Friedhof.

Der Jakobsweg führte bergab am Friedhof vorbei, sodann sehr steil bergauf. Marc merkte schnell, dass er Zeit damit verlor, sich zu orientieren. Zwar waren an markanten Stellen die gelben Pfeile und die Muscheln des Pilgerweges aufgezeichnet, aber er konnte sie in der Dunkelheit nur schwer erkennen. Auch musste er auf die wechselnde Bodenbeschaffenheit achten, um nicht zu stürzen. Schon nach kurzer Zeit wies die App eine Komplementärstrecke aus. Die nahm er nicht, obwohl sie etwas kürzer war, denn die App sagte, sie sei irreführend gekennzeichnet.

Marc schwitzte, stöhnte, orientierte sich. Nach zwei Stunden des Schindens und an dem Wegzeichen 104 Kilometer bis Santiago stellte er fest, dass er zu langsam war. Er musste am kommenden Tag unbedingt schneller gehen, sonst konnte er heute einen kurzen Schlaf vergessen. Er entnahm einen Power-Drink aus seinem Rucksack und marschierte im Eiltempo weiter.

Er war allein auf dem Jakobsweg. Gelegentlich kläffte ein Hund oder sprang bedenklich nah an den Zaun, an dem Marc unbeirrt vorbeieilte. Die Herbergen am Camino waren dunkel. Die Pilger schliefen in den nächsten Tag hinein.

Sein Sichtradius betrug nur wenige Meter. Zudem kam ein starker Wind auf, dem ein Regen folgte, der in Minutenschnelle den Untergrund aufweichte und die Steine gefährlich glatt werden ließ. Er marschierte jetzt mit dem Blick mehr nach unten als nach vorn.

Der nächste Berg! Marc keuchte hinauf. Die Kopflampe erfasste den weiteren Weg. Der gelbe Pfeil am Camino-Stein wies nach rechts. Er blickte genauer.

Das ist kein Baum neben dem Stein … Das ist ein Mensch!

Marc näherte sich. Seine Hand lag an der Pistole bereit, sekundenschnell zu reagieren. Er war bis auf zehn Meter herangekommen. Ein Ausweichen gab es hier nicht. Die finstere Gestalt trug einen langen Umhang mit einer Kapuze über dem Kopf. Sie beobachtete, wie Marc herankam, dem bewusst war, dass seine Stirnlampe die perfekte Zielscheibe bot. Er war bis auf fünf Meter herangekommen und blieb stehen. Jetzt müsste etwas passieren. Die Gestalt hob langsam die Hand, Marc die Pistole, doch die Gestalt schien von der Lampe geblendet zu sein und sagte plötzlich in bestem Englisch: »Wie schön, dass ich nicht allein bin in dieser Nacht. Hi, ich bin Fred aus Neuseeland. Wollen wir zusammen ein Stück des Weges gehen?«

Also doch nur ein Pilger …

Marc steckte die Waffe zurück. Er war extrem erleichtert. Auf der Suche nach Pia schien er bereits Gespenster zu sehen.

188 »Danke für das Angebot, Fred. Sorry, leider nicht möglich. Ich habe es sehr eilig.« »Aber du trägst sehr schweres Gepäck. Musst du für etwas büßen?« Marc fand die Frage mehr als treffend.

»So ist es. Ich habe Schuld auf mich geladen.« »Oh, ich verstehe, dann Buen Camino!«

»Buen Camino, Fred!« Fred sah ihm, dessen Namen er nicht kannte und der in der Nacht seine Schuld so schwer trug, nachdenklich hinterher. Er hätte ihm gern gesagt, dass er selbst wegen seiner Photophobie nur nachts pilgern würde, und dass ihn der Lichtstrahl eben sehr erschreckt hatte. Dass er bereits an den Pyrenäen gestartet war und der namenlose Fremde bisher der einzige nächtliche Pilger war, den er bisher gesehen hatte. Doch der Fremde war schon wieder verschwunden.

Marc hatte etwas Zeit aufgeholt, aber an Schlaf war nicht zu denken. Er schaute auf das Smartphone. Es gab keine Nachricht.

Nach Vilachá wurde ihm erneut eine Alternativstrecke angeboten, er wählte sie, weil sie etwas kürzer erschien. Es war ein Fehler. Bereits nach wenigen Kilometern fand er sich in einem engen und sehr steilen Felsenkanal wieder.

Er tastete sich mit den Händen seitlich abstützend herunter. Das Gewicht auf dem Rücken schob ihn in instabile Lagen. Für wenige Meter verbrauchte er viel zu viel Zeit. Zudem trat er wegen der Blase am rechten Fuß bereits in leichter Schonhaltung auf. Und dann geschah es. Der nasse Stein, den er anvisierte, lag tiefer als angenommen. Der Standfuß glitt weg, er stürzte, verlor den Sichtkontakt zum Boden, das Gepäck auf seinem Rücken rutschte über ihn und riss ihn nach unten. Intuitiv schützte er nur noch seinen Kopf. Zwei Meter tiefer schlug er mit dem Gesicht auf.

Langsam rappelte er sich hoch.

Verdammte Scheiße … auch das noch!

Er tastete seine Knochen ab. Er schien unverletzt. Aber die Kopflampe war zerstört.

Als er sich über die Stirn strich, fühlte er eine warme Flüssigkeit in seine Augen laufen. Im Licht seines Smartphones erkannte er, dass es Blut war.

In diesem Moment sah er die Message auf dem Smartphone:

SURE 37:35 ES GIBT KEINEN GOTT AUSSER GOTT UND MOHAMMED IST SEIN PROPHET.

Es reichte! Ali Naz und seine Bande verfolgten ihn über den GPS-Tracker auf Schritt und Tritt, und sie verhöhnten ihn! Der Sinn dieser Tortur wurde immer deutlicher, sie wollten ihn vor dem Finale psychisch fertigmachen.

Marc schrieb zurück:

189 ICH BRAUCHE KEINE SUREN … GEBT MIR EIN ZEICHEN, DASS PIA LEBT!

Die Antwort kam umgehend.

ARZUA KILOMETER 31,587

Arzua?

Er recherchierte. Es war ein Ort auf diesem Jakobsweg, etwa vierzig Kilometer entfernt. Also in hoffentlich sechs – sieben Stunden Marschzeit, wenn es gut lief. Früher hätte er das in maximal fünf Stunden geschafft, aber die Zeiten waren vorbei.

Er war wütend. Doch er hatte sich auf das Spiel eingelassen und würde es so lange mitspielen, bis es Gewissheit gab, Pia zu finden, hoffentlich spätestens am Ende des Pilgerweges.

Irgendwann ist meine Minute gekommen … dann werdet ihr Marc Anderson kennenlernen … Arzua …

Marc entschloss sich, in diesem verfluchten – aber vor dem Regen doch etwas schützenden Felsenkanal zu bleiben und eine Pause einzulegen.

Er säuberte die Platzwunde an der Stirn, legte einen notdürftigen Verband um den Kopf, versorgte die Blase an seiner Ferse, aß ein paar Müsli-Riegel und fiel augenblicklich in einen Tiefschlaf. Die Anreise über zwei Tage, die Hetze nach Lugo, der bisherige Marsch und das permanente Kopfkino, ob er auf diesem Weg vielleicht doch auf Pia treffen würde, forderten Tribut.

Nach dreißig Minuten, gerade als das erste Morgenlicht in den Felsenkanal eindrang, legte sich eine Hand auf seine Schulter. Marc starrte in die Augen eines Mannes.

»Sorry, ich wollte dich nicht wecken«, sagte Fred, »aber es ist ein bisschen eng hier.« Marc schüttelte sich. »Oh, danke, Fred, prima, dass du mich geweckt hast. Musste etwas schlafen. Pass’ auf, dass du nicht auch stürzt.« »Kein Problem für mich, ich bin ein Nachtfalke.« »Ein Nachtfalke mit Sonnenbrille?«, fragte Marc.

»Das ist eine lange Geschichte. Jetzt werde ich es mir hier für den Rest des Tages bequem machen.« Marc wunderte sich, aber hier auf dem Pilgerweg war offensichtlich alles möglich.

»Hast du denn dein Bett dabei?«, fragte er.

»Ich habe eine Decke, das reicht.« Dabei öffnete Fred seinen Rucksack, um sich sein Lager zu bauen.

Marc kramte in seinem Rucksack etwas hervor und gab es Fred.

Fred sah ihn überrascht an.

190 »Pack’ es einfach aus, und mach’ es dir bequem, Fred.« Fred kniete sich hin und begann das Päckchen vorsichtig zu öffnen. Der Inhalt wurde immer länger. Dann las er Outdoor-

High-Tech-Mikrofaser-Schlafsack. Er war gerührt, wollte sich für diese Aufmerksamkeit bedanken. Doch als er sich umdrehte, war der fremde Pilger verschwunden.

Gegen acht Uhr morgens und dreiundzwanzig Kilometer hinter Sarria hatte er endlich Portomarin erreicht – und viel zu viel Zeit verloren.

Als er die Brücke über den aufgestauten Rio Miño überquerte, überholte er die ersten Wander-Pilger. Ihn wiederum überholten Radfahrer-Pilger. Besonders die auf den E-Bikes nervten ihn, denn sie kamen überraschend schnell. Die Rad-Pilgergruppen machten sich schon vom Weiten durch ein lautes Buen Camino bemerkbar. Das stand wohl als Klingelersatz im Wanderführer.

In kürzester Zeit hatte sich der bisher einsame Camino in eine Völkerwanderung verwandelt. Laute Italiener, spanische Schulkinder, die offensichtlich als Sportaufgabe ihrer Schule eine Etappe ohne Gepäck laufen mussten. Menschen, die mit der Flagge ihrer Heimatstadt posierten, Pilger aus den USA, die mit komfortablen Bustransporten und sehr kurzen Wanderstrecken den Camino bewältigten, eine Frau, die einen Mann in einem Rollstuhl vor sich herschob, ein singendes Paar, Jugendliche mit Technomusik aus der Sound-Box, zwei Freundinnen, die sich zerstritten hatten. Marc nahm das alles nur im Vorübergehen wahr. Jetzt wünschte er sich kilometerlange Strecken Einsamkeit. Die gab es tatsächlich reichlich, hatte er gelesen, doch nicht hier auf der Pilger-Rennstrecke, sondern zuvor auf dem Weg über die Pyrenäen nach Sarria.

Marc vermied es, Kontakt aufzunehmen. Da er aber, wohl auch wegen seines Kopfverbandes und der blutverschmierten Stirn, zu viel Aufmerksamkeit erregte, stoppte er bei der

Herberge Hospital da Cruz, säuberte sich und nahm bei der Gelegenheit ein schnelles, sogenanntes Pilgerfrühstück ein. Im benachbarten Kaufladen fand er zwischen den unzähligen Pilgermuscheln sogar eine neue Stirnlampe. Die Pilger strömten vor allem zu dem Tisch mit dem Stempel. Stempel gab es in Kirchen, Bars, Restaurants, eigentlich überall auf der Strecke. Die Wanderer benötigten von Sarria bis zum Ziel täglich zwei Stempelabdrücke im Pilgerpass, um die begehrte Compostela im Pilgerbüro in Santiago zu bekommen. Marc erkannte schnell, dass er sich inmitten eines Stempeltourismus befand. Es belustigte ihn mehr, als dass er es ernst nehmen konnte.

Weiter!

Sein nächstes Ziel war Melide. Dort hätte er gegen Mittag die Hälfte der Wegstrecke geschafft.

Die auf den Camino-Steinen gezeigten Restkilometer nach Santiago de Compostela empfand er als eine gute Motivation. Viele waren mit mehr oder weniger sinnvollen Sprüchen belegt. Vor einem solchen hielt er kurz inne: Du musst dein ÄNDERN leben.

Während er lief und lief, dachte er über sein vollkommen geändertes Leben nach. Er hatte keine Vorstellung von einem Leben ohne Marie. Wie sollte das mit der kleinen Pia ohne Mutter

191 gehen? Wie wächst ein Kleinkind bei einem alleinerziehenden Vater auf? Er wusste, dass selbst sehr kleine Kinder von Kindertagesstätten aufgenommen wurden. Aber er würde sich erst einmal selbst in die Pflicht nehmen. Du musst dein ÄNDERN leben …

Er eilte und eilte, stellte sich vor, wie er sein Leben vollkommen umstellen würde. Pia war das Einzige, was jetzt noch

Sinn machte. Doch erst musste er sie zurückbekommen. Wo? … Wann?

Arzua.

Die Kilometer-Zahlen auf den Steinen wurden kleiner. Wieder so ein Wegstein mit einem aufgemalten Spruch: »Um Vergebung, Liebe und Zufriedenheit zu erlangen, musst du dir zuerst selbst vergeben.«

Sofort dachte er an Daniela. Die hatte Ähnliches gesagt und sogar noch das Wort Versöhnung daran gehängt. Er konnte mit diesen Kalendersprüchen schon immer wenig anfangen. Was für ihn zählte, waren Fakten und Taten.

Marc dachte an seinen Daniela-Traum. Die Frau verwirrte ihn jetzt noch. Vielleicht würde er sie sogar in Hamburg wiedersehen. Er war etwas schroff von ihr gegangen. Er fragte sich, ob schroff eine Lebensgrundhaltung von ihm sei. Eher nicht. Er fand, dass er überwiegend zuvorkommend und höflich sei aber regelmäßig sehr abweisend sein konnte, wenn seine Erwartungshaltungen nicht erfüllt wurden.

Oder sind es dann vielleicht Momente der Überforderung und der Unsicherheit? … Bin ich es schon zulange gewohnt, auf der Gewinnerseite des Lebens zu laufen? … Haben mich meine kämpferischen Erfolge, Orden und Ehrenzeichen, das Lob der ganz Großen dieser Welt, die fantastische Bezahlung blind werden lassen? … Warum habe ich nicht genug Substanz in mir, um auch in der persönlichen Krise festen Halt zu finden? … Ist meine scheinbare Stärke vielleicht sogar meine Schwäche? … Wer bin ich, der hier über den Jakobsweg rennt? … Ich suche Pia, aber gibt es da noch mehr? …

Vielleicht Gott? … Wer und was ist Gott? … Wenn es ihn gibt, habe ich den strafenden Gott kennengelernt … Einen Gott mit einem hässlichen Gesicht … Die christlichen Rituale bei der Taufe, Hochzeit und Beerdigung habe ich ihretwegen mitgemacht … Kirche war ihr sehr wichtig, für mich ist Kirche eine Zwangsjacke … Sie glaubte an Gott … Ich denke, wir kommen evolutionär, leben und verschwinden für immer … Wir selbst sind Anfang und Ende, nicht der sogenannte ‚allmächtige Gott‘ … Die Illusion ‚Gott‘ ist ein Alibi für die Kompensation unserer Ängste … Basta!

Er überlegte, wer hier eigentlich auf dem Camino pilgerte. Einige aus spirituellen Motiven, andere aus sportlichen. Andere wussten es nicht, aber sie suchten, ohne zu wissen, was. Einige fanden es nicht auf dem Weg heraus, sondern erst Jahre später, so hatte er gelesen. Er erinnerte sich auch an die Aussage eines deutschen Priesters in Santiago de Compostela: »Während du wanderst, wirst du dich verwandeln.« Marc hatte das skeptisch gesehen.

192 Werde auch ich mich am Ende meiner Reise verwandeln? … Bin ich zu sehr auf mein Ziel ‚Pia‘ fixiert? … Geht es vielleicht um noch viel mehr? … Wie oft hatte Jelke gesagt, dass Liebe und Hoffnung der Ursprung allen Seins ist. Wenn ich Pia wiederhabe, werde ich ihr alle Liebe schenken, zu der ich fähig bin, Gott … Habe ich gerade Gott gesagt? … Was ist mit mir los? … Schwächele ich?

Während er rannte, liefen Tränen über sein Gesicht. Erst wenige, dann war sein Gesicht nass.

Er wusste nicht, dass jeder Pilger auf dem Jakobsweg einige Male weint, ohne zu realisieren, warum.

Marc passierte den kleinen Ort Palas de Rei, lief über Felder und Weiden an Gehöften vorbei, in denen Pferde, Kühe und Hühner ihren Platz hatten. Eine Schafherde passierte den Camino. Die Pilger blieben entzückt stehen. Auch er fand es angebracht zu warten, sonst wäre er noch mehr aufgefallen. An der nächsten Kreuzung wieder Stau. Eine große Menschengruppe hatte sich um einen Dudelsackspieler formiert. Marc nahm dieses Mal keine Rücksicht und kürzte über ein Feld ab. Keine gute Idee. Er watete im Matsch und dachte dabei an das Geheimversteck in seinen Absätzen, das sich allerdings auch bei Nässe als dicht erwiesen hatte.

Nur nebenbei nahm er die Schönheit Galiziens mit der sanften hügeligen Landschaft, den kleinen Kirchen, bäuerlichen Ortschaften und den freundlich grüßenden Menschen wahr.

Er kam jetzt gut voran und passierte Melide gegen 13.00 Uhr. Den GPS-Tracker hasste er. Sie wussten durch ihn genau, wo und wann er einen Stopp einlegte. Aber wenn sie dachten, er sei ein Opfer, hatten sie sich geirrt. Seine Waffen schleppte er nicht umsonst mit sich. Sobald er eine Spur hatte, würde er vom Geführten zum Einzelkämpfer mutieren.

Melide – Buente – Ribadiso da Baixo und endlich Arzua. Er fieberte dem Camino-Stein km 31,587 regelrecht entgegen.

Den Wegestein erkannte er schon von Weitem. Er starrte ihn an. Er sah die kleinen, von den Pilgern abgestellten Steine auf der Säule. Sonst nichts.

Also wieder so ein Psycho-Trick!

Marc schaute vorsichtshalber hinter die Säule und ergriff sofort das bekannte kleine Kästchen mit den verzierten Buchstaben in arabischer Schrift.

Er entnahm ein Bild von Pia und las:

OB PIA EINE CHANCE HAT, LIEGT ALLEIN AN ALLAH.

Marc ging in die Knie. Er hatte so gehofft, dass es konkreter sein würde. Wenigstens ein aktuelleres Bild, das er noch nicht kannte! Dieses hier war das gleiche Foto wie auf dem Friedhof in Hamburg, es war kein aktueller Lebensbeweis.

193 Er stützte sich auf dem Camino-Wegestein bei km 31,587 ab, den Blick auf den Boden gerichtet. Eine Hand lag auf den kleinen Steinen, die Pilger als Ausdruck ihrer Wünsche abgelegt hatten. Die an ihm vorbeiwandernden Pilger glaubten wohl, es wäre die stille Andacht eines Mitpilgers und respektierten seinen Moment. Andere sahen den blutdurchtränkten Kopfverband und boten Hilfe an. Marc winkte dankend ab. Er steckte die neue Botschaft ein.

Solange die mit mir kommunizieren, gibt es eine Chance … Weiter Marc Anderson … Ich werde mich psychisch nicht kaputtmachen lassen …

Der Regen prasselte jetzt auf ihn herunter. Die meisten Pilger mit einem Tagespensum von höchstens zwanzig Kilometern legten einen Stopp in einem der unzähligen Gasthäuser ein. Marc durchquerte Wiesen, Eichen- und Eukalyptuswälder. Er bemerkte, wie zunehmend Taxifahrer am Wegesrand lauerten, um erschöpfte Pilger zum nächsten Stempelort zu fahren. Beute gab es genug, denn mehrere Pilgerwege trafen hier zusammen.

Der Regen hatte nachgelassen und der Pilgerstrom nahm zu. Bei Anbruch der Dunkelheit stand er vor einer Umleitung. Der Camino war mit Gefahrenzeichen gesperrt. Die Pilger hielten sich daran und bogen ab, doch Marc wollte kein Zeitrisiko eingehen.

Wenig später verstand er den Grund. Ein kleiner Bach hatte sich zum reißenden Fluss verwandelt. Durchwaten wollte er ihn nicht, also musste er die Stelle umgehen. Nach einer halben Stunde fand er sich in einem gebirgigen Wald wieder. Er gab die Abkürzung auf und versuchte, auf kurzem Weg zum ursprünglichen Camino herunterzukommen. Wieder war es dunkel. Wieder musste er sich vortasten. Im letzten Augenblick – gerade einen Meter vor sich – erkannte er eine felsige Schlucht und stoppte.

Auch das noch!

Er dachte an seinen GPS-Tracker, der jetzt in dem dichten Wald vermutlich nicht mehr senden würde. Irgendwie fühlte er sich befreit.

Plötzlich ein merkwürdiges Geräusch. Er stutzte. Was war das? Er hörte genau hin: ein ganz leichtes Wimmern, etwas leiser, dann stärker. Er versuchte, es zu orten:

Vor ihm! Es kam aus der Schlucht.

Marc beugte sich vorsichtig auf den Knien nach vorne und leuchtete in das tiefe Dunkel hinein. Unten, in etwa zehn Meter Tiefe, lag etwas noch nicht zu Erkennendes, das sich bewegte. Im Schein seiner Lampe blickten ihn plötzlich zwei große, ängstliche Augen an. Die großen dunklen Augen eines Hundes. Er sah zu ihm hoch, sein flehendes Winseln wurde zugleich lauter und lauter.

»Du meine Güte, was machst du denn da?«

Während er sein schweres Gepäck vom Rücken nahm, checkte er, wie viel Zeit er maximal für diese Aktion investieren konnte. Es wurde knapp, er würde fortan noch schneller gehen müssen, aber diese Hilfe war ihm jetzt wichtig. Denn klar war, dass der Hund dort unten ohne Rettung nicht überleben würde, falls hier überhaupt noch etwas zu retten war.

194 »Keine Angst, ich komme zu dir, ich hole dich da ‘raus!«, sagte Marc beruhigend zu der verletzten Kreatur unter ihm.

Marc kroch auf allen Vieren am Rand der Schlucht entlang und fand schließlich einen Bereich, der ihm den Abstieg ermöglichte. Er hielt sich an der obersten Kante fest, suchte auf den glitschigen Steinen Stellen, die ihm festen und zuverlässigen Halt gaben und ließ sich die letzten zwei Meter heruntergleiten. Unten angekommen, tastete er sich vorsichtig und behutsam zu dem Hund vor.

Eine junge Schäferhündin blickte zu ihm hinauf. Sie war offensichtlich vollkommen erschöpft. Marc strich ihr liebevoll beruhigend über den Kopf und den Rücken. Sie ließ es geschehen. Er sah, dass ihr rechtes, hinteres Bein leicht verdreht war und dass der Lauf stark blutete. Wahrscheinlich war das arme Tier in die Schlucht gestürzt. Der Zustand ließ darauf schließen, dass die Hündin schon länger, vielleicht bereits mehrere Stunden, hier lag.

»Alles in Ordnung, alles wird gut. Das kriegen wir hin, mein Mädchen.« Seine Stimme war weich.

Marc hob die Hündin sehr behutsam hoch, besorgt, ihr durch die Bewegung nicht weitere Schmerzen zuzufügen. Sie legte ihre beiden Vorderläufe auf seine Schultern und hielt ihren Kopf ganz nah an seinem.

Wie komme ich jetzt hier heraus?

Er stellte fest, dass er das Tier sicher mit einem Arm halten konnte. Vorsichtig tastete er sich mit der linken Hand an der Felswand entlang, bis er eine Stelle für den Aufstieg fand. Doch bereits beim zweiten Tritt rutschte er mit dem Tier zurück, das sich instinktiv fester an ihn klammerte.

Er suchte eine günstigere, trockenere Stelle, rutschte aber wieder ab. Marc spürte mit Sorge, dass er jetzt doch wertvolle Zeit verlieren würde. Die Hündin war schätzungsweise nur fünfzehn bis zwanzig Kilogramm schwer, aber das Gelände machte Marc schwer zu schaffen. Er tastete sich keuchend weiter an der Wand entlang. Nach etwa zwanzig Metern verflachte die Schlucht und ermöglichte ihm einen sicheren Aufstieg mit der verletzten Hündin auf seinem Arm.

»Jetzt geht’s nach oben, meine Kleine!« Endlich war er wieder unbeschadet bei seinem zurückgelassenen Gepäck angekommen.

Marc legte die Hündin behutsam ab und untersuchte sie, um eine Ersteinschätzung ihres Verletzungsbildes zu bekommen, während er beruhigend zu ihr sprach. Sie zitterte stark und leckte an ihrer Wunde. Marc schüttete etwas Wasser in seinen Metallbecher, sofort trank sie gierig daraus.

Er sah, wie sie sich langsam etwas beruhigte, nahm sein Verbandszeug aus dem Rucksack und verband das Bein der Hündin, so gut es ihm in der Dunkelheit möglich war. Die Hündin ließ es

195 dankbar und ruhig atmend über sich ergehen, leckte ihm über die Wange, was bei ihm spontan zu einem Lachen führte. Sie lag auf der Seite, versuchte sich aufzurichten, es gelang nicht.

»Also gut, meine Kleine, dann nehme ich dich halt Huckepack.«

Mit dem Gepäck auf dem Rücken und der Hündin darüber um den Nacken gelegt, trug er jetzt über sechzig Kilogramm. Seine ganze Aufmerksamkeit war darauf gerichtet, in dem dunklen, unwegsamen Gelände nicht zu stürzen und dem ursprünglichen Weg zu folgen, den er gegangen war. Ab und zu blieb er stehen, hockte sich mit der Hündin auf dem Schoß hin und sprach tröstend auf sie ein. Sie zeigte ihm, dass sie sich sicher fühlte, solange er sie im Arm hielt.

Nach einer Stunde war er wieder an der Umleitung angekommen. Pilger waren um diese Zeit nicht mehr auf dem Camino zu sehen. Doch er hatte Glück. Direkt nach der ersten Wegkurve hinter der Umleitung war eine kleine Herberge. Marc atmete extrem erleichtert durch.

»Schau’ ‘mal, was wir dort sehen! Eine menschliche Ansiedlung. Dort wirst du Hilfe bekommen und meldest dich hoffentlich einmal, wenn du wieder auf dem Damm bist.«

Die Augen der Pilger, die in der Herberge saßen, richteten sich neugierig auf ihn, als er mit seiner Last durch die Tür schritt. Der Lärm der Gesellschaft im Speiseraum verstummte augenblicklich. Der große, regennasse Mann mit blutdurchtränktem Kopfverband, einem verletzten Hund auf den Schultern und schwerstem Gepäck auf dem Rücken, erschien ihnen wie ein fremdes Wesen in dieser warmen, von Essensgeruch erfüllten Stube.

»Buenas tardes! Ich brauche einen Tierarzt!«

Der Mann hinter der Bar blickte erstaunt auf den Ankömmling, dann genauer zum verletzten Hund, zog augenblicklich sein Handy hervor und sprach kurz und aufgeregt hinein. Dann kam er zu Marc und half ihm, das verletzte Tier auf einen leeren Tisch zu legen.

»Pass’ auf das Bein auf!«, sagte Marc. Er zog seine Jacke aus und legte sie behutsam über die frierende, zitternde Hündin. Er sah sich kurz um. Neugierige kamen zum Tisch. Eine ältere, redselige Frau drückte ihr Entsetzen aus und begann wie auf Knopfdruck ohne Unterlass von den Krankheiten ihres eigenen Hundes zu erzählen, die er alle überstanden hätte. Andere beobachteten gebannt den jungen Mann, der ihnen so ganz anders erschien als die übliche Pilgerschar.

Der Wirt kam mit zwei gefüllten, karamellbraun schimmernden Cognac-Gläsern.

»A tu salud, peregrino! Auf dein Wohl, Pilger.« Marc war in seiner Eile über die Geste der Gastfreundschaft überrascht, aber er wollte nicht unhöflich sein und trank. »Gracias, señor!« Der Wirt wies auf ein Plakat an der Tür hin.

Der Text und das Bild waren eindeutig. Gesucht wurde ein entlaufener Malinois, genauer eine belgische Schäferhündin. Und zwar diese.

196 »Phantastisch!«, sagte Marc und machte sich wieder für den Abmarsch bereit. Hier schien alles geregelt zu sein.

Er wollte sich gerade von der jungen Hündin, die ihn nicht einen Augenblick aus den Augen gelassen hatte, verabschieden, als ein Priester durch die Tür an ihm vorbeistürmte, direkt auf die kranke Hündin zu. Die Hündin bellte erfreut und liebkoste ihr Herrchen. Marc war sehr bewegt von der Situation, die sich ihm bot.

Er lächelte gerührt angesichts dieser Begegnung und war bereits kurz vor der Tür, als der Barkeeper mit dem Priester sprach und auf Marc wies. Der Priester ging auf Marc zu und nahm ihn in die Arme.

»Gracias, hijo, gracias.« »Schon okay, ich hoffe, sie wird wieder«, antwortet Marc knapp auf Deutsch. Zu seiner Überraschung sprach der Priester in fließendem Deutsch:

»Wie kann ich dir danken? Du hast mir das Liebste zurückgegeben, was ich besitze.« Marc sah ihn freundlich an. »Danke deinem Gott, ich war nur behilflich. Doch nun muss ich wirklich gehen.«

Der Priester bat Marc eindringlich, noch einen kurzen Moment zu bleiben. Marc zögerte, aber der Priester hielt ihn behutsam fest. Es wurde telefoniert und wenig später kam ein Tierarzt, der wiederum den Priester herzlich begrüßte. Hier in dem kleinen Ort kannte jeder jeden.

Der Priester sah Marc mit seinen warmen, tiefschwarzen Augen an. »Lass’ uns reden, Pilger, deine Seele weint.« Marc verstand nicht richtig, aber er ließ sich darauf ein, in den Nebenraum zu gehen.

»Ich habe nur wenig Zeit.« Sie waren allein.

»Wer bist du, dass du mit so schwerem Gepäck in großer Eile den Camino gehst?« Dabei schaute er auf das überdimensional große griechische »O« auf Marcs T-Shirt, jener Buchstabe, der der vierundzwanzigste und damit der letzte Buchstabe im griechischen Alphabet ist und als Omega symbolisch für das Ende steht.

Der Wirt servierte einen Teller mit Brot, Käse, geräuchertem Schinken und eine Flasche Wein und verschwand respektvoll wieder.

Marc hatte nicht vor zu reden – und schon gar mit dem Priester eine Flasche Wein zu leeren. Er hatte schon zu viel Zeit verloren. Doch irgendetwas verband ihn mit diesem Mann. Marc sah auf die Uhr und gab sich noch zehn Minuten. »Wie heißt du?« »Marc, ich heiße Marc.« »Sprich, wenn du magst, Marcus Omega«, sagte der Priester lächelnd.

»Ich bin auf der Suche nach einem Menschen, meiner kleinen Tochter.« »Magst du darüber reden?« Marc presste seine Lippen zusammen. Seine Augen wurden etwas nass. »Nein, geht nicht.«

»Ich sehe und fühle, Marc, dass du dich am Ende wähnst. Glaubst du an den Herrn, unseren Gott?« Marc schüttelte den Kopf. »Nein, wie sollte ich, er hat mir schon jetzt alles genommen,

197 und ich fürchte, es kommt noch schlimmer.« »Aber du hoffst?« »Natürlich, sonst wäre ich nicht hier. Ich gehe nicht aus spirituellen Gründen den Camino. Ich suche aktiv die Tür zu meiner Tochter Pia. Die Compostela-Urkunde interessiert mich überhaupt nicht.« Der Priester schien zu verstehen, was hier passierte.

»Ich werde für dich beten, dass du zum Ziel kommst. Und für Pia, dass sie behütet bleiben möge. Sei gewiss, der Herr ist bei dir, auch wenn es für dich jetzt noch so schwer zu verstehen ist.« Marc sagte nichts. Der Christengott des Priesters und zugleich der von Marie hatte ihn fallen lassen. Er musste Pia selbst finden und vor ihm lagen noch ein Nacht- und ein Tagesmarsch. Showdown war morgen um 12.00 Uhr in dieser Kathedrale in Santiago de Compostela.

»Entschuldigen Sie, ich muss dringend gehen, habe noch einen langen Weg vor mir.«

Der Priester nickte, stand auf und legte seine Hand auf Marcs Stirn. »Der Herr segne und behüte dich auf deinem Weg.«

Marc war etwas irritiert über dieses sehr persönliche, christliche Ritual und antwortete verlegen: »Ich wünsche Ihnen, dass Ihr Hund bald wieder gesund wird … ach, würden Sie bitte kurz auf mein Gepäck achten?«

Als er von der Toilette zurückkam, sah er, wie der Tierarzt sich um den Hund kümmerte. Marc küsste die Schäferhündin auf die Stirn. Ihren Blick würde er nie mehr vergessen.

Der Tierarzt gab ihm zu verstehen, dass die Hündin wieder vollkommen genesen würde.

»Warten Sie,«, sagte der Tierarzt, »ich schaue mir die Wunde an Ihrer Stirn an.«

»Danke nein, sehr freundlich, ich muss wirklich jetzt weiter!« »Dann nehmen Sie bitte wenigstens dieses Desinfektionsmittel mit.«

In der Gaststätte raunten die Menschen über das, was sie hier in der Herberge auf dem Jakobsweg erlebten. Der Priester überreichte Marc zusammen mit einem Verpflegungspaket des Wirtes einen Briefumschlag.

»Bitte lies es, Bruder Marcus, wenn du am Ende deines Weges wieder in Deutschland Ruhe gefunden hast.« Er legte Abschied nehmend seine Hand auf das griechische O an Marcs TShirt. Marc wusste das nicht zu deuten. Vielleicht meinte er das Herz unter dem T-Shirt.

Die verlorene Zeit war schnell wieder aufgeholt. Der Weg war vom Gelände her und der Navigation anspruchslos. Er war in dieser Nacht so schnell, dass er sogar zwei Stunden schlafen konnte. Bereits am frühen Morgen erreichte er nach einem steilen Anstieg das Rollfeld des Flughafens und den berühmten Camino-Wegestein von Santiago. Es war ihm gleichgültig, dass die Schönheit des ländlichen Pilgerweges im städtischen Einzugsbereich der Pilgerstadt verloren ging. Er wollte endlich ankommen.

Am Monte do Gozo, wo angeblich die Pilger noch einmal in ein Freudenhaus eingekehrt waren, bevor sie sich in der Kathedrale spirituell reinigen ließen, schaute er erstmals kurz auf die Stadt, in die bis zu zweitausend Pilger täglich strömten. Noch neunzig Minuten Zeit! Doch

198 es zog sich. Die Gassen wurden enger und lauter. Pilger hasteten regelrecht zur Kathedrale. Alle Schmerzen waren vergessen. Allen ging es um diesen einen Moment des Ankommens.

Um 11.30 Uhr stand Marc Anderson erschöpft auf dem Praza do Obridario vor der Kathedrale, inmitten einer Menge von Pilgern aus der ganzen Welt. Viele weinten, andere waren einfach nur still ergriffen. Marc musterte einzelne Personen in der Menge. Doch konnte er niemanden ausmachen, der mit ihm Kontakt suchte. Warum auch? Sein Termin war um 12.00 Uhr in der Kathedrale. Er sah vereinzelt Sicherheitspersonal.

Wohin mit den Waffen?

Er eilte in ein naheliegendes Hotel und konnte das verschlossene Gepäck dort für kleines Geld lagern. Offensichtlich war er nicht der Einzige, der ohne Gepäck in die Kathedrale wollte. Zurück zur Kathedrale. 11.55 Uhr. Es gab keine sichtbaren Sicherheitskontrollen. Die Kathedrale war bis auf den letzten Platz gefüllt. Die meisten Menschen hatten sich nach vorne gedrängt, um den außerplanmäßigen Einsatz der beiden vierundfünfzig Kilogramm schweren Weihrauchfässer, den Botafumeiros, als Symbol der spirituellen Reinigung so nah wie möglich zu erleben, wenn diese an einem sechsundsechzig Meter langen Seil durch acht Männer in Bewegung gesetzt und bis hoch an die Decke geschwungen werden. Doch vor allem wollten die erschöpften Pilger rechtzeitig zur Ansprache anwesend sein, bei der sie unter Benennung ihrer Nationalität begrüßt werden.

Marc hörte sich die endlose Aufzählung an. Plötzlich vernahm er in deutscher Sprache:

»Unter uns ist ein deutscher Pilger, der auf dem Camino seine kleine Tochter sucht. Er ist von Sarria bis zu uns Tag und Nacht durchgeeilt, hat Schmerzen erlitten und mit Gott gehadert. Und doch hat er auf seinem Weg gezeigt, was bedingungslose Liebe ist. Der Herr, unser allmächtiger Gott, wird ihn belohnen.«

Ein Raunen ging durch die Kathedrale. Wer und wo mochte dieser Pilger sein. Dann entstand das erste Klatschen, es wurde mehr und mehr und ging in einen großen Applaus über. Einige Pilger riefen: »Hallelujah!«

Marc duckte sich unbewusst. Er war sich sicher, dass diese Durchsage jener Priester arrangiert hatte, dessen Hund er gerettet hatte. Wie auch anders sollte es möglich sein? Denn im Pilgerbüro war er nie erschienen, um sich registrieren zu lassen.

Der Redefluss der Durchsagen ging weiter, und in der Kathedrale erklang der helle Gesang von Ordensschwestern.

Was soll ich hier … Wo ist mein Kontakt … Wie geht es weiter?

Er saß inmitten der Gläubigen wie ein Häuflein Elend. Zum ersten Mal schwand die Hoffnung, dass dieser ganze Schwachsinn jemals zu Pia führen würde. Pia war wohlmöglich längst tot. Sie wollten ihn einfach nur fertigmachen, das war jetzt hier am Ende des Pilgerweges vollkommen klar. Er überlegte, abzubrechen, sich ein Taxi nach Rozas zu nehmen und heimzufliegen zu Karina Marie auf den Friedhof, zu seinen Brüdern, zu Jelke. Doch was würde der Abbruch für diese Mission, für Pias Chancen, bedeuten?

199 Inmitten der Menschenmassen stand ein Mann, das Haupt unter einer Pilgerkapuze gesenkt und beobachtete konzentriert aber unauffällig das Verhalten des etwa zwanzig Meter entfernten Marc Anderson. Der mit internationalem Haftbefehl gesuchte Dr. Faysal Mahmoudi hatte seinen Folgeauftrag beendet und Marc Anderson, den Mann auf Ali Naz’ Todesliste, über den Jakobsweg gejagt. Zufrieden sah er, wie der ehemalige Elitesoldat als offensichtlich gebrochener Mann in der Bank kauerte.

Marcs Handy vibrierte. Er las:

»DU HAST GESEHEN, WIE WEIT DIR EUER GOTT HILFT. ABER ALLAH WEISS: DEIN WEG ZU PIA IST NICHT MEHR WEIT. IN VIGO WARTET AUF DICH HEUTE NACHMITTAG DER FRACHTER POSEIDON.«

© Jörg H. Trauboth 2020