Jörg H. Trauboth | Leseprobe „Drei Brüder“
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Leseprobe „Drei Brüder“

Als der gepanzerte schwarze Audi A8 mit der Bundeskanzlerin auf dem Rücksitz auf das kleine Hexenhaus mit Walmdach und Butzenscheiben in Berlin-Dahlem zurollt, ist es längst dunkel. Die skandinavische Kaltfront hat Berlin erreicht. Der erste Schnee in diesem Jahr bleibt wie feine, zarte Watte auf den Ästen der Bäume liegen und verwandelt Stadt wie Land in eine Märchenlandschaft funkelnder Weihnachtslichter.

Die vorausfahrenden Personenschützer geben über Funk das Okay an den Fahrer. Die Strecke ist »sauber«, die Lage ist ruhig, keine Besonderheiten. Noch haben die Personenschützer keine Weisung für die höchste Sicherheitsstufe 1+ erhalten. Henriette hatte die Termine des restlichen Tages so kurz wie möglich gehalten, sie möchte nach diesem Höllenarbeitstag endlich für sich sein – oder besser gesagt, bei ihm.

Dieser Mann war das Unglaublichste, was ihr nach drei Jahren Ehe und einer unkomplizierten Scheidung widerfahren war. Es war diese eine Besprechung in ihrem Kanzler-Büro, als er auf eine Frage nicht antwortete. Er sah sie einfach mit seinen stahlblauen Augen an. Seine rechte Augenbraue bewegte sich leicht nach oben, und bei ihr brannte sich sein jugendhaftes Lächeln geradezu ein. Der Kerl antwortet einfach nicht, was bildet der sich ein? Nach zehn Sekunden hatte sie ihre Frage vergessen. So etwas kam bei Henriette, der Klugen und Beherrschten, so gut wie nie vor. Sie wusste nicht genau, was passiert war. Aber das Ergebnis war eine innere Vibration verbunden mit großer Neugierde. Noch am selben Abend gingen sie zusammen essen und dann zu ihm.

Danach wollten beide diese Treffen nicht mehr missen, wissend, dass es ein Spiel mit ungewissem Ausgang war. Warum, denkt sie, fasziniert mich dieser Mann unverändert … mit Paul in seinem Hexenhaus zusammen zu sein, bedeutet sprechen, sich fallen lassen dürfen, in der absoluten Gewissheit, dass er sich als Minister keine Rechte herausnehmen wird … grenzenloses Vertrauen, etwas, was im politischen Berlin verloren gegangen ist … vielleicht nie da war …

Sie zieht ihren Blackberry aus der Tasche und sieht sich ein Foto von ihm an, lächelt über sein schütter werdendes, blondes Haar, seinen Bauchansatz und die heimliche Eitelkeit eines Mannes, der in die Jahre kommt. Du musst doch nichts verbergen … gerade du … du hast für einen Mann eine geradezu unglaubliche Empathie … kannst unterscheiden zwischen dem, was geht, und was nicht möglich ist … bei allem, was du machst, bleibst du derselbe … auch in der Kabinettsrunde … vielleicht passen wir deswegen so gut zusammen …

Sie betrachtet noch schnell ein aktuelles Bild ihres Kabinetts. Ein Abbild der Gesellschaft. Überwiegend Männer, große und kleine, dünne und dicke. Sieben Frauen, fünf unscheinbare und zwei attraktive. Sie studiert die Gesichter, deren persönliche Agenda sie geschickt verborgen halten, auch die aus den eigenen Reihen. Die Minister sind vorsichtig bei ihr. Sehr vorsichtig. Sie wissen, dass die Kanzlerin absolute Kabinettsdisziplin erwartet. Wer einmal öffentlich Illoyalität zeigt, ist gefährdet. Bei Henriette gibt es nur eine Wiedergutmachungschance. Kabinettsdisziplin … die Hofschranzen habe ich gleich zu Anfang entfernt, doch die vielen Ja-Sager … unerträglich … Paul ist der beste Verteidigungsminister, den ich mir wünschen kann … er scheint überhaupt der Erste zu sein, der diesen unkontrollierbaren Apparat in den Griff bekommt … misslungene kostspielige Rüstungsprojekte der Vorgänger … zunehmende Auslandsverpflichtungen … desolate Einsatzbereitschaft … Generäle und Staatssekretäre, die nur darauf warten, dass er einen Fehler macht … wieso hat Paul trotzdem eine gute Presse, fragt sie sich, als sich das Auto langsam seinem Haus nähert. Ich werde ihn fragen, wie er das hinbekommt, in diesem Moloch mit Schleudersitz gut zu sein, und trotzdem diese unglaubliche Gelassenheit zu bewahren.

Sie biegen in seine Straße ein.

Das Amt, so spürt sie, war für ihn kein Karriereschritt, sondern ein Weg zu sich selbst. Vielleicht mag sie ihn deswegen. Und wohl auch weil er, wie sie, die philosophischen Schriften des Stoikers Mark Aurel liebt. Beide sind verantwortungsvolle Bewahrer, stets das Gemeinwohl im Auge, vor allem sind sie keine Spieler.

Sie schaltet ihr Handy aus. Die Nation muss heute ein paar Stunden ohne mich auskommen … ich brauche nach dieser Krisensitzung eine Tankstelle …

Als sie sich vorstellt, wie es gleich laufen würde, lacht sie leise. Natürlich werden sie über den KSK-Einsatz sprechen. Aber ich möchte heute Abend nicht mehr eingeschnürt sein, einfach mal wieder Frau sein …

Sie freut sich diebisch darauf, damit auch zu spielen, wissend, dass ihre Beziehung sofort zu Ende ist, wenn sie ein Thema im politischen Berlin wird. Ihre prickelnde und längst nicht ausgelebte Beziehung war bisher geheim geblieben. Das musste so bleiben. Sie blickt auf die Personenschützer, die ersten in der Reihe möglicher Wissensträger und weiß, dass die niemals auch nur ahnen dürfen, was sie mit dem Verteidigungsminister jenseits des Amtes wirklich verbindet.

Das Eingangstor öffnet sich. Paul steht dort und blickt auf ihr Auto. Er hat sein Jackett gegen einen schwarzen Kaschmirpullover über einem roten Polohemd getauscht.

»Seien Sie herzlich willkommen Frau Behrens, Henriette Behrens«

»Was soll denn diese Begrüßung?«

»Schau dir doch mal dein Nummernschild an, James!«

Henriette dreht sich zum Fahrzeug und schüttelt den Kopf.

»Herrgott, haben die mir wieder eine 007 drauf geklemmt! Mit dem Ding war ich gerade noch in Brüssel, übrigens zur Freude der anderen Regierungschefs.«

Die schwere weiße Sicherheitstür gleitet ins Schloss. Er hilft ihr aus dem Mantel. Mit einem Schlag fallen der Dienst und der Stress der Krisensitzung von ihr ab.

Sie gehen die leicht knarrende Holztreppe mit dem wunderbar geschwungenen Treppenlauf hoch in seinen Wohnraum. Ich liebe dieses Haus, keine Bunkeratmosphäre, kein Bauhausstil, keine sterilen Vorzeigemöbel, eben diese warmen Farben und der harzige Geruch des Brennholzes, denkt Henriette.

Sie lässt sich sofort auf den karminroten Ohrensessel der Werkstattmanufaktur fallen, streift die Schuhe herunter und legt die Füße auf die Fußbank und schließt die Augen.

Paul ist nebenan in der Küche, fragt nicht, lässt sie einfach sein.

Als sie die Augen wieder öffnet, sieht sie auf dem kleinen Kapitäns-Mahagoni-Schreibtisch die Bilder seiner blassen blonden Frau, seiner beiden erwachsenen Söhne und seiner beiden Enkelkinder.

Paul war schon Witwer, bevor sie ihn ins Kabinett holte. Er hatte ihr nur wenig über den langsamen Leukämie-Tod seiner Frau erzählt. Es muss wohl eine gute Ehe gewesen sein. Paul meinte, danach hätte er sich verändert. Er sei etwas introvertierter geworden. Er käme mit Hilfe seiner Zugehfrau ganz gut allein zurecht. Was er nicht mag, sind die wiederholten Berichte in den Gazetten-Blättern, die ihn zum begehrtesten Single im politischen Berlin machen.

Ihr Blick streift weiter über die weißen, bis zur Decke führenden Regalbretter. Oben sind die vielen Bücher nur mit einer eingehängten Leiter zu erreichen. Sie stehen nicht wie die Zinnsoldaten, sondern liegen zwischendurch in angenehmer Unordnung. Das Regal lebt.

Zwischen den Büchern Erinnerungen von Reisen. Darunter eine kleine Elefantenherde, Erdmännchen, Giraffen und Zebras mit einem Bild, das ihn mit Safari-Hut vor der Hütte einer Himba-Frau zeigt. Sie muss über Pauls kleinen Zoo schmunzeln. Andere haben Papageien oder Singvögel im Käfig. Paul hat seine Erdmännchen.

Die Heizkörper sind mit weißen Gitterelementen verkleidet und bilden mit dem Bücherregal und den weißen Sprossen der Fenster eine dezente, harmonische Einheit. In jeder Ecke leuchtet eine Stehlampe, alle mit unterschiedlichen warmen Farben. Vor dem Kamin sein geliebter Schaukelstuhl, zwei Leder-Sitzkissen und ein halbleeres Glas mit Rotwein. In einer Ecke ein Gitarrenkasten und Notenständer. Die anderen Zimmer kennt sie nicht, und sie fragt sich, wie schon öfter, wie wohl sein Schlafzimmer eingerichtet ist. Spartanisch oder in dem Ambiente dieser Wohlfühl-Oase?

Sie rutscht den Ohrensessel herunter, legt den Kopf zurück, streicht sich mit beiden Händen über die Schläfen, die Haare, legt die Arme auf die Lehnen, öffnet die Hände und schließt erneut die Augen. Sie genießt es, hier zu sein und wieder diese wunderbar knisternde Grundspannung zu spüren, von der sie beide nicht wissen, wohin sie treibt. Heute ist ihr nach vielen, warmen Strahlen.

Paul schaut aus der Küche zu ihr herüber. Er kennt diesen Moment. Henriette tankt auf, auf ihre Weise.

Er versucht, so leise wie möglich zu sein, als er mit ihrem Lieblingsdessert kommt und es zu ihr auf den hölzernen Beistelltisch stellt: Schokoladeneis mit Schokoladensoße, Schokoladenstreusel und Sahne. Ihre Augen sind noch geschlossen. Henriette entspannt total.

Sie fühlt, wie sich seine Hände auf ihren Kopf legen und die Fingerspitzen hinter ihren Ohren langsam zu ihrem Nacken wandern. Er sagt nichts, aber sie sieht seine liebevollen Lachfältchen auch so. Seine Strahlen durchziehen ihren Körper wie unendlich feine Wärmefäden, dringen über den Bauch bis zu den Zehen. Sie lässt es zu, spürt, dass sie es will. Sie atmet tief durch, hebt ihre Arme zu ihm, sucht seine Hände und legt sie auf ihre Brüste. Er fühlt ihren schnellen Herzschlag. Sie öffnet die Augen und will seinen Kopf zu sich ziehen.

Da fällt ihr Blick auf den Schreibtischstuhl. Sie zuckt jäh auf! Ein Aktenrücken mit roten Großbuchstaben schaut sie an wie eine hässliche Drohung: OPERATION EAGLE – TOP SECRET.

Flash! Dieses übergroße Geiselfoto von heute im Lagezentrum mit zwei angstverzerrten Gesichtern, die geschändet werden von einem, der ihr Bild auf dem Rücken trägt. Sie schüttelt sich, als wolle sie dadurch das verfluchte Bild loswerden.

Augenblicklich spürt Paul ihre Verkrampfung.

»Was passiert gerade bei dir?«, fragt er, als er von ihr lässt.

Sie richtet sich langsam im Sessel auf, streicht über ihre Haare und zeigt auf den Aktenordner. Paul begreift. Henriette ist wieder im Krisenkeller.